Berlin Marathon 2014 – da ist doch etwas (ich?) nicht richtig gelaufen!

Vorab: Das Ziel war dieses mal nicht (nur) das Finishen meines 16. Marathon, sondern auch das erstmalige Unterschreiten der 4 Stunden Grenze. Freund und Coach Arnie hatte mich bestens vorbereitet. Mit 4 Stunden 15 Minuten und 13 Sekunden habe ich mein Ziel klar verfehlt, so dass ich rückblickend den Berlin Marathon 2014 als schwere Niederlage empfinde……Trotzdem war es eine super Veranstaltung mit tollen Eindrücken. Auf einige möchte ich kurz eingehen:

Die Anreise erfolgte mit Carsten am Samstag morgen. Wir holten unsere Start-Unterlagen auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof ab. Es ist ein tolles Ambiente für die Marathon Messe und war sehr gut organisiert! Beim Blick auf meine Startnummer wurde es mir noch einmal deutlich: 28359 – da war sie wieder, die 359, 3 Stunden 59 Minuten, meine Zielzeit – der Druck, den ich mir selber gab, wuchs weiter.

Nach dem Einchecken im Hotel ging ich am Nachmittag Richtung Brandenburger Tor. Auf dem Weg dort hin durfte ich den Start beim Kinder Marathon (5 KM) miterleben, mit dem Original count down, ein erstes Kribbeln stellte sich ein. Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich in einem Straßencafe mit Blick auf das Brandenburger Tor. Am späten Nachmittag rollten die ersten Inlinescater an mir vorbei Richtung Ziel: In knapp 59 Minuten einen Marathon „scaten“: WOW, Hochachtung vor der Athletik! Dass ich für meinen Milchkaffee und mein Schöfferhofer alkoholfrei so gerade mit 20 Euro hinkam, muss an meinem Platz gelegen haben. 5 Euro je Stunde Zuschlag für den Platz in der Sonne mit dem Ausblick – viele der Platzsuchenden hätten mir vermutlich 10 Euro gegeben, wenn ich aufgestanden wäre. So ist etwas auf den ersten Blick sehr Teures doch manchmal echt geschenkt, wenn man es genießt. Kurzzeitig hatte ich überlegt, dass ich – wie meine Tischnachbarn – ein Glas Weißwein ordere, aber da war doch noch am Sontag etwas: 3:59! Sonntag Abend habe ich rückblickend gedacht: Hier hätte ich bis Sonntag Abend sitzen bleiben sollen:-)

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Abends ging ich noch zum Italiener am KuDamm Pasta essen und anschließend um 20:30 Uhr zum Ökomenischen Abendgebet zum 41. BMW Berlinmarathon in die Blaue Kirche an der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche. Es waren beeindruckende 30 Minuten, in denen die Zelebranten immer wieder die Verbindung zwischen dem morgigen Lauf und Gott und dem Glauben herstellten. Klaus Feierabend, Pastor im Ruhestand und selbst mehrfacher Marathon Finisher, hielt eine bewegende Predigt – sitzend im Rollstuhl, da er schwer gestürzt war und nur für die Predigt kurz aus der Humboldt Klinik geholt wurde. Der Händedruck am Ausgang mit ihm gab mir spürbar Energie für den Sonntag!

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Nach einer ruhigen Nacht und einem guten Frühstück ging ich die 3 Kilometer zum Start. Dort traf ich Antonius – unsere Mission 3:59 konnte beginnen. Wetter und Stimmung hätten nicht besser sein können. Auch unsere Taktik schien perfekt aufzugehen: Wir ließen die 4 Stunden Luftballon Läufer einige Minuten vor uns starten und holten diese nach 15 bis 20 Kilometer langsam ein. Nun mussten wir nur dranbleiben. Auch der Halbmarathon in knapp 1:58 war voll im Plan. Ab KM 25 stellten sich bei Antonius und bei mir Zweifel ein, da die Kraft nachzulassen schien. Ob es wirklich so war oder nur im Kopf – ich wusste es dort noch nicht. Ab KM 28 lief ich alleine weiter. Bei KM 32 hatte mein innerer Schweinehund gewonnen: Er wollte gehen und ich fing an, einige hundert Meter zu gehen. Da wusste ich, dass ich „verloren“ hatte. Auch wenn ich bis KM 35 schon durch Gehen einige Zeit vertrödelt hatte, prognostizierte die offizielle App da noch eine Zielzeit von 3:59, was mir ein Freund danach berichtete. Ich wusste dort schon, dass es heute nichts wird und ging etwa bis KM 39.

Zwischendurch habe ich noch jemanden aus Japan gesehen (und überholt:-)), der es mit „Kreuz tragen“ sehr ernst genommen hat. In knapp unter 6 Stunden erreichte er das Ziel. Am nächsten Tag las ich bei Oke, dass er sich sicher sei: Jesus lebt, er habe ihn gesehen! (Der rechts auf dem Bild:-))

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Bei etwa KM 37 traf ich noch Eddy aus Bremen. Das war ein echtes Highlight für mich, da mich sein Spruch „Du bist ein wahrer Gewinner“ sehr motivierte, mich das erste mal seit knapp 4 Stunden zu freuen. In diesem Moment ging es mir das erste mal an diesem Tag nicht darum, an 3:59 zu denken, sondern mich an Eddys Leitmotiv zu erinnern: „Nicht die Zeit, sondern die Leidenschaft zählt!“ – wie recht er hat! (Foto: Eddyfilm)

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Bei Km 39 besann ich mich, dass ich doch zumindest noch meine zweitbeste Zeit erreichen sollte, d.h. unter 4:18, was ich auch erreichte, da ich die letzten 3 KM bis ins Ziel wieder lief. Das Wahnsinnsgefühl, was ich sonst gewohnt war beim Zieleinlauf, stellte sich nicht ein. Vermutlich lag es daran, dass ich gegen mich und mein Ziel verloren hatte.

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Am Abend ging ich noch zu einem fantastischen Italiener in der Auguststraße und ich ließ alles, was passiert war, schon einmal Revue passieren. Am Montag Nachmittag ging es auf die Rückreise nach Lohne. Das war somit mein zweiter Berlin Marathon nach 2010. Meine damalige Zeit von 4:44 hatte ich zwar „pulverisiert“, aber mein Ziel von 3:59 hatte ich verfehlt.

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Mittlerweile habe ich analysiert, was passiert ist. Für meine Verhältnisse bin ich doch noch die ersten Kilometer zu schnell angegangen, was die Pulsmessung auch deutlich anzeigt. So stellte sich nach 30 KM eine Erschöpfung ein, möglicherweise auch noch verstärkt durch den Marathon auf Guernsey 4 Wochen vorher. Mit professionellem Anspruch (< 4 Stunden) ist eine Schlappschuhmarathon 4 Wochen vorher vermutlich nicht vereinbar. Mir ist dadurch bewusst geworden, dass ich immer in dem Zwiespalt sein werde zwischen dem „gewollten Leistungssportler Dirk“ auf der einen Seite und dem „Marathonsammler Dirk“ auf der anderen Seite. Freude bereitet mir der Sammler mehr, Leistungssport hat ja auch wenig mit nur Freude zu tun, hier muss ich mich halt mal quälen – nächstes Jahr Berlin komme ich wieder! Ob zum Quälen oder Sammeln, weiß ich heute noch nicht.

Im Rückblick zu dem Marathon habe ich nur folgende Dinge als Bild im Kopf: tolle lange Traininsläufe mit Antonius, Anreise über Autobahn durch die schönen Wälder südlich Potsdams, Tempelhof, Sitzen im Cafe in der Sonne vor dem Brandenburger Tor, Inlinescater, Abendgebet in der Blauen Kirche, Händedruck Klaus Feierabend, Warten auf den Start mit Antonius, intensive KM 20 bis 28 mit Antonius, Unterhaltung mit Eddy, Lauf durch das Brandenburger Tor, Trinken eines Erdinger alkoholfrei nach dem Lauf mit Renate, U-Bahn zum Rosa Luxemburg Platz, Speisen und Ambiente beim Italiener, Nachdenkliche Rückfahrt nach Hause.

Schöne Bilder, an die ich mich gerne erinnere. Vom Lauf durch Berlin habe ich nicht mehr viele Erinnerungen – da ist doch etwas (ich?) nicht richtig gelaufen.

Mir ist nun bewusst: Zu sehr auf die Zeit zu schauen, kann (selbstgeschaffene) Leiden schaffen, mit welcher meine schöne Leidenschaft „Laufen“ wenig Freude bereitet. Ich bin vermutlich mehr der Sammler!

Nachrichtlich möchte ich noch erwähnen, dass Antonius nach Krämpfen sich in 4:27 ins Ziel kämpfte. Auch er wird kommendes Jahr wiederkommen.

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